Aktuelle Pressestimmen

Erschienen am 22.03.2007 in den Stuttgarter Nachrichten auf S. 30 unter „junge Nachrichten”:

Rechtschreibung: „Ungenügend”

Steffen aus Stuttgart macht trotz Legasthenie sein Abi

Eine schlechtere Note als „Sechs” gibt es im deutschen Schulsystem nicht. Selbst wenn in einem Diktat jedes zweite Wort falsch geschrieben ist. „Zum Glück”, sagt Steffen. Viele Jahre kannte er bei der Überprüfung seiner Rechtschreibung nur eine Note: „ungenügend”. Steffen hatte Legasthenie. Heute kann er ganz entspannt über diese Zeit reden. Sein Problem hat der 18-Jährige in den Griff bekommen.

In wenigen Wochen schreibt Steffen sein Abitur. Wenn alles normal läuft und er die notwendige Punktzahl erreicht, will er bald mit seinem Wunschstudium beginnen: Luft und Raumfahrttechnik. Bereits als kleiner Bub war das sein Ziel – damals nannte er seinen Traumberuf noch Raketenbauer.

Steffen litt an einer Krankheit, die in vielen Fällen weder Abitur noch eine richtige Berufsausbildung zulässt. Wie fünf bis sieben Prozent der Deutschen hatte er eine Lese- und Rechtschreibschwäche, von der überwiegend Jungen betroffen sind. „Als ich in der Grundschule die ersten Diktate geschrieben habe, bekam ich mein Blatt jedes Mal tiefrot zurück”, erinnert sich Steffen. Viel darüber nachgedacht habe er nicht. Auch seine Lehrer nahmen die Rechtschreibschwäche stillschweigend hin. „Vielleicht haben sie gedacht, es würde von selbst besser.” Doch dem war nicht so.

Einzig seine mündliche Mitarbeit und die Tatsache, dass im Aufsatz nicht die Rechtschreibung entscheidend für die Note ist, retteten Steffens Zensur und ermöglichten die Versetzung. Besser als „Vier” war Steffen in Deutsch nie.

Als er älter wurde, erkannte der Schüler, dass die roten Striche am Seitenrand ein echtes Problem darstellten: „Mir wurde klar, dass ich meinen Berufswunsch begraben kann, wenn ich meine Rechtschreibung nicht in den Griff bekomme.”

Mit 14 machte er sich deshalb mit seiner Mutter auf die Suche nach qualifizierter Hilfe. Die fand er im Stuttgarter Legasthenie-Zentrum. Ein Lerntherapeut klärte anhand einer Fehleranalyse, wo genau Steffens Defizite liegen. Drei Jahre lang bekam er eine Stunde pro Woche intensiven Einzelunterricht und ein speziell auf seine Probleme abgestimmtes Training. Außerdem machte er spezielle Schreibübungen.

Mittlerweile hat er es gepackt. „Wenn ich schreibe, mache ich vielleicht hier und da noch einen Kommafehler, aber sonst ist meine Rechtschreibung völlig normal.” Betroffenen rät er, sich dem Problem zu stellen, sobald der Verdacht einer Rechtschreibschwäche besteht. Denn die Krankheit ist heilbar. Und je früher man sie bekämpft, desto schneller hat man sie ganz überwunden.

Peter-Michael Petsch

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Krank und nicht dumm

Wer unter Legasthenie leidet, hat Probleme damit, die gesprochene in die geschriebene Sprache umzusetzen und umgekehrt. Dumm ist man deshalb nicht. Als eine Ursache vermuten Experten einen genetischen Defekt. Viel mehr ist über die Lernstörung nicht bekannt. Es herrscht nicht einmal Einigkeit darüber, ob Legasthenie eine Krankheit ist.

Das Handicap macht sich meistens erst bemerkbar, wenn in der Grundschule die ersten ungeübten Diktate geschrieben werden. Die Erscheinungsformen sind unterschiedlich: Es können Probleme beim Aufsagen des Alphabets, bei der Benennung von Buchstaben oder beim Bilden von Reimen auftreten.

Mit dem Lesen haben Legastheniker oft ebenfalls Schwierigkeiten. Sie lassen einzelne Wörter aus, verdrehen sie oder fügen Silben hinzu. Sie lesen sehr langsam und zögern lang bevor sie bestimmte Wörter aussprechen. Manche Buchstaben oder Silben ersetzen sie durch andere. Zudem verlieren sie immer wieder die Zeile im Text. Die Betroffenen sind oftmals nicht in der Lage, Gelesenes wiederzugeben, aus Gelesenem logische Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu erkennen.

pep

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Erschienen am 24.01.2007 in den Stuttgarter Nachrichten auf S. 16 unter "Medizin Aktuell":

„hu” statt „who”: Schlechtes Wortbildgedächtnis

Auch für Englisch-Legastheniker gibt es eine Therapie: Vertrauen in die Erlernbarkeit der Sprache wiedergeben

Tobias ist verzweifelt. Er geht in die sechste Klasse einer Realschule in Stuttgart und hat im zweiten Jahr Englisch. Er bringt in den Klassenarbeiten fast nur „Sechser” nach Hause. Anfangs hat ihm das neue Fach noch Spaß gemacht. Englisch fand er aufregend, weil englischsprachige Musik in ist und er über Computerspiele und Internet schon viel damit in Berührung gekommen ist. Mündlich kam er im Englischunterricht zunächst auch recht gut mit, aber sobald es ans Lesen und Schreiben ging, fingen seine Probleme an. Die Wörter schreibt man ja ganz anders, als man sie spricht! Das englische Wort für „wer” spricht man „hu”, schreibt es aber „who”. Heißt das jetzt, dachte Tobias eigentlich folgerichtig, dass man auf Englisch für den Laut „h” immer „wh” und für den Laut „u” immer „o” schreibt?

Nicht nur Legastheniker wie Tobias haben ein schlechtes orthofotografisches Gedächtnis (Wortbildgedächtnis). Vielen Kindern geht es so, dass sie mit der deutschen Rechtschreibung noch einigermaßen zurechtkommen, weil man viele deutsche Wörter so schreibt, wie sie gesprochen werden. Den Rest merken sie sich mit Ach und Krach. Aber in Englisch kommen sie weder mit dem Laut-für-Laut-Schreiben noch mit selbst erdachten Regeln weiter. Also schreiben sie die englischen Wörter einfach „deutsch” auf. Das sieht dann so aus: „Raning” statt „running”, „fiewer” statt „fever” und „tschailt” statt „child”. Jetzt stimmt gar nichts mehr.

Für Legastheniker und ihre Probleme mit der Muttersprache Deutsch gibt es vielerlei Hilfsangebote. Immer noch wenig bekannt ist, dass das Legasthenie-Zentrum in Stuttgart, Ludwigsburg und Pforzheim Legasthenikern im Fach Deutsch hilft und seit einigen Jahren auch ein speziell für Englisch entwickeltes Trainingsprogramm anbietet. Es fußt auf der Erkenntnis, dass entgegen dem Anschein auch der englischen Rechtschreibung durchaus feste (aber in der Schule oft nicht ausreichend eingeübte) Laut-Zeichen-Zuordnungen und einige wenige, leicht erlernbare (aber in der Schule selten behandelte) Regeln zu Grunde liegen. „Wir sind immer noch Pioniere”, sagt Hans Bangerter, der im Zentrum für den Bereich Englisch zuständig ist. „Zu dem Thema gibt es wenig Forschungsergebnisse.”

Bei einem Test wird zunächst festgestellt, welche besonderen Schwächen bei den Kindern vorliegen, die wegen ihrer Englischschwierigkeiten Rat suchen. Je nach Ergebnis von Test und Beratung (oft auch nach Rücksprache mit der Englischlehrkraft) wird gegebenenfalls ein auf das Kind individuell zugeschnittener Therapieplan erstellt, der die zu bearbeitenden Kapitel des Rechtschreibprogramms, die nicht beherrschten Teile der englischen Grammatik und einen Zeitrahmen enthält.

Die wöchentlichen Therapiestunden finden meistens einzeln, höchstens in Zweier-Gruppen statt. „Zunächst geht es darum, bei den Kindern wieder grundsätzliches Vertrauen in die Erlernbarkeit der englischen Rechtschreibung und Sprache insgesamt aufzubauen. Die Vokabeln werden nach lautanalytischen Gesichtspunkten gelernt”, so Bangerter.

Angelika Albert

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